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Interview mit Christian Stratmann

Meine Lebensaufgabe
Viel mehr als ein Job: Ein Interview mit Prinzipal Christian Stratmann über seinen "Spitzenjob" im Volkstheater Mondpalast von Wanne-Eickel.

Bühne frei für den Prinzipal! Mit Blick auf "seinen" Mondpalast sitzt er an einem antiken Schreibtisch, das Theater im Rücken, Laptop neben und Kaffeetasse vor sich: Christian Stratmann, Gründer des Mondpalasts von Wanne-Eickel, freut sich auf ein Gespräch über "seine" Theaterhistorie von 2004 bis heute, über alte Freunde und neue Pläne. Das Interview beginnt am frühen Nachmittag, als in den Büros nebenan noch fleißig gearbeitet wird. Vier Stunden später sind die Stimmen verstummt. Im Theater gegenüber flammen die Lichter auf. Draußen kurven Autos auf der Suche nach einem Parkplatz. Der Prinzipal zieht sich die Jacke an und eilt auf die andere Straßenseite zum Theatereingang. Um 19 Uhr will er wie gewohnt am Empfang stehen und die Gäste persönlich begrüßen. Als er aus dem Durchgang tritt, waren die ersten schon. 

Seit 2004 Prinzipal sein im Mondpalast - hat sich der Einsatz gelohnt?
Ja, wir hatten bisher viele gute Jahre mit über 900.000 Gästen – darunter auch der Ex-Bundespräsident Horst Köhler mit seiner reizenden Gattin Eva Luise. Das war der absolute Höhepunkt!



War es richtig, Wanne-Eickel als Standort zu wählen?

Bei der Wahl des Standorts im Jahre 2003 hatte ich zwei Alternativen – entweder ein „Gelsenkirchener Barocktheater“ eröffnen oder den „Mondpalast von Wanne-Eickel“. Ich habe mich für Wanne-Eickel entschieden, weil ich in Herne großartig unterstützt wurde, ganz besonders durch die damalige Kulturdezernentin Dr. Dagmar Goch, die heute Bürgermeisterin in Hattingen ist. Außerdem ist „Wanne-Eickel“ in ganz Deutschland ein Begriff, da muss man nichts erklären. Manche Menschen glauben sogar, Wanne-Eickel gäbe es gar nicht. Wir arbeiten aber daran, dass sich das ändert.

Damals haben viele gelächelt, als Sie in Wanne-Eickel ein Theater eröffneten …

Es war ein Wagnis, keine Frage. Ich habe privates Vermögen in meinen Traum vom Volkstheater investiert. Heute habe ich Grund zur Freude, denn der Erfolg gab uns Recht. Wir hatten in vielen Jahren eine Auslastung von über 90 Prozent. Das ist wirklich ein Rekord, wenn man bedenkt, dass der Mondpalast an jedem Spieltag 495 Plätze füllen muss, mehr als das Grillotheater in Essen, mehr als Millowitsch in Köln und Ohnsorg in Hamburg. Zehn Schauspieler sind an unserem Haus fest angestellt. So viele hat das Westfälische Landestheater in Castrop-Rauxel nicht.

Ist der Mondpalast in der Kulturszene des Ruhrgebiets angekommen?

Auf jeden Fall. Wir haben in den vergangenen Jahren mehr als 900.000 Gäste in unserem Haus begrüßt, das ist ein grandioser Erfolgsbeweis. Trotzdem stehen wir als privates, nicht subventioniertes Theater im Schatten der sogenannten Hochkultur. Im Ruhrgebiet wird mit Kultur viel und kostspielig experimentiert. Das zeigen  Großprojekte wie die RuhrTriennale und die Kulturhauptstadt. Zwischen diesen kulturellen Hochämtern und den freien Kulturschaffenden der Region herrscht trotz Kulturhauptstadt 2010 nach wie vor ein krasses Missverhältnis – auch in der Medienwahrnehmung.

Wie erklären Sie sich den großen Zuspruch des Publikums?
Der Mondpalast ist eine Instanz, die im Ruhrgebiet Identifikation stiftet. Auf eine heitere, ehrliche Weise spiegeln wir die Realität. Möglich wird dies durch die wirklich zauberhaften Komödien unseres Hausautors Sigi Domke. Nicht die Weltpolitik steht bei uns auf der Bühne, sondern die Politik vor Ort. Der Mondpalast zeigt, wie sich die Menschen fühlen in einer Zeit, in der das Ruhrgebiet um sein Überleben und um eine neue Identität kämpft. Denken Sie nur an Nokia oder Opel. Unsere Stücke inszenieren Heimat für einen Ballungsraum, der sich wandelt, weil er sich wandeln muss. Der Mondpalast versteht sich als Theater für die Menschen der Ruhrstadt. Im Ruhrgebiet Theater zu machen, das bedeutet, die Region mit ihren Menschen innig zu lieben und zugleich kämpferischunbestechlich zu bleiben.

Wenn Ihre Zeit es zulässt, stehen Sie am Eingang und begrüßen Ihre Theatergäste persönlich. Wird Ihnen das nicht manchmal zu viel?
Auf keinen Fall, ich bin ein leidenschaftlicher Gastgeber, ich mag Menschen. Die Begrüßung ist mir eine große Freude, auch der Rundgang in der Pause. Ich komme dabei ganz persönlich in Kontakt mit den Leuten, die mein Theater besuchen. Viele erkenne ich mittlerweile wieder, weil sie schon zweimal oder noch häufiger im Mondpalast zu Gast waren. Sie erzählen mir, warum sie so gerne kommen und was sie bewegt. Dabei kann ich individuell auf ihre Wünsche eingehen.

Was macht Sie richtig ärgerlich?
Wenn in meinem Haus jemand von Theaterzuschauern spricht. Diesen Begriff habe ich aus unserem Vokabular gestrichen. Menschen, die uns besuchen, sind unsere Gäste. Sie haben Anspruch auf einen rundum vergnüglichen Abend. Theatervergnügen beginnt beim reibungslosen Kartenverkauf, bei dem unsere Gäste die Kinderbetreuung durch zertifizierte Tagesmütter gleich mitbuchen können. Weiter geht’s mit einem leckeren Theatermenü in der PalastKantine vor oder nach der Vorstellung und einem gut gezapften Pils in der Pause. Und mit einer funktionierenden Garderobe hört bei uns der Spaß noch lange nicht auf. Wir arbeiten täglich daran, diesen Service zu verbessern, und haben viele neue Ideen.

Worüber freuen Sie sich am meisten?
Was mich ganz besonders freut, ist das wunderbare Ensemble des Mondpalasts, das dank der großen Professionalität und trotz der vielen Vorstellungen nichts von seiner Spielfreude und seiner Begeisterung verloren hat. Hier haben sich unverwechselbare  Schauspielerpersönlichkeiten entwickelt, die uns ganz besondere Theatermomente schenken: sinnlich, intensiv, urkomisch und immer 100 Prozent. Wo wären diese großen Talente heute, wenn nicht der Mondpalast ihnen die Möglichkeit gegeben hätte, im Ruhrgebiet zu bleiben und Theater zu spielen? Sie wären vielleicht in Berlin, in München oder Hamburg, aber nicht mehr hier.


 
Welcher Erfolg des Theaters zählt für Sie in den vergangenen Jahren am meisten?
Mich begeistert immer wieder ganz besonders die Komödie „Flurwoche“. Sie hat auf Anhieb das Publikum erobert, das uns abends regelmäßig mit Standing Ovations feiert. Ich glaube, so viele stehende Ovationen wie bei uns gibt es in kaum einem anderen Theater. Großartig ist auch die Entwicklung unserer Premierenkomödie „Ronaldo & Julia“, die mit Hunderten von Aufführungen und weit über 100.000 Zuschauern zu Deutschlands erfolgreichster Fußballbühnenkomödie geworden ist. Das Stück hat in den vergangenen Jahren nichts von seiner Beliebtheit verloren, ist regelmäßig ausverkauft und zieht Fußballfans von nah und fern an. Menschen mit BVB-Fanschal und Leute im Schalke-Trikot sitzen nebeneinander und amüsieren sich wie Bolle – es macht einfach Spaß, das einmal zu erleben. 



Im April 2016 kam der Mondpalast mit "Ronaldo & Julia" ins Fernsehen. Wie wichtig ist Ihnen das?
„Ronaldo & Julia“ ist für den WDR ein echter Volltreffer. Schließlich gehört die urkomische Fußballromanze frei nach Shakespeare seit Jahren zur Champions League unseres modernen Volkstheaters. Wir freuen uns sehr, dass es uns mit dem Schwank „Dinner vor Wan(ne)“ schon sehr früh gelungen ist, regelmäßig an Silvester in den dritten Programmen der ARD präsent zu sein. Die Resonanz auf die einzige Ruhrgebietsversion des Freddie-Frinton-Kultsketches, geschrieben von unserem Gründungsintendanten Thomas Rech, ist jedes Mal enorm. Den Vergleich mit Millowitsch und Ohnsorg brauchen wir wirklich nicht zu scheuen. Jetzt haben wir mit "Ronaldo & Julia" ein zweites TV-Standbein und hoffen auf möglichst viele Wiederholungen.

Ende 2008 haben Sie Ihre Zusammenarbeit mit der Stadt Herne bis maximal 2024 verlängert. Viele kreative Ideen wollen noch umgesetzt werden. Wenn der Vertrag einmal endet, werden Sie 73 Jahre alt sein. Wird es den Mondpalast dann noch geben?
Über dieses Thema denke ich oft nach. Was geschieht mit dem Mondpalast, wenn ich einmal nicht mehr da sein sollte? Zurzeit bin ich dabei, mit meinem Bruder Eckart, der in Essen Rechtsanwalt ist, eine gute, juristische Antwort auf diese Frage zu finden. Wir möchten sicherstellen, dass der Mondpalast weiterleben kann – auch ohne mich. Ich führe ein kleines mittelständisches Unternehmen mit Angestellten. Ich habe Verantwortung für diese Menschen und dieser Verpflichtung möchte ich gerecht werden. Was immer ich vorher getan habe – so war es nie. Der Mondpalast ist anders als jeder Job, den ich jemals hatte. Es ist mein Theater, es ist meine Lebensaufgabe.


Alle Urheberrechte liegen beim Mondpalast von Wanne-Eickel.
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